Von den Bergen bis zum Meer
Trauer, Einsamkeit, Kälte. Als er die Augen aufmacht läuft ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Noch nie hat Kenosuke sich so leer nach einer Meditation gefühlt. Ansonsten war es immer ein Gefühlt von Klarheit, Wissen und auch Wärme. Doch diesmal nicht. Diese Meditation schlug ein wie eine Bombe. Er war verwirrt, verwirrt darüber was er gesehen hatte als sein Geist sich aufmachte in die Vergangenheit. Schmerz und Verzweiflung, die in vergangenen Tagen gesäht wurden, wuchsen heran zu großen Bäumen, deren Früchte Einsamkeit und Tod waren. Denn so verhalten sich Samen, ein Kirschsamen wird zu einem Kirschbaum, ein Ahornsamen zu einem Ahornbaum. Und so verhalten sich Gedanken auch.
Kenosuke zerbrach sich Tage lang den Kopf über diese Erkenntnisse. Doch er fand keine Antworten, Verzweiflung machte sich breit. Um neue Energie zu schöpfen und den Kopf frei zu bekommen, machte er sich auf zu einem kleinen Fluß, der in der Nähe seiner Heimatstadt durch die Landschaft fließt. Auf einer kleinen Brücke aus Holz setzt er sich, zieht seine Schuhe aus und streckt die Füße ins Wasser. Das Wasser ist hellblau, klar und kalt, aber nicht unangenehm.
Nach einer Weile schließt er die Augen und stellt sich wieder die Frage, die ihn nun schon so lange quält, "Wenn negative Gedanken wie Samen aufgehen und dann heranwachsen zu noch größerem Unheil, sind wir dann gezwungen ewig diesen Kreislauf zu durchlaufen, ohne einen Ausweg?". Kein Lehrmeister, kein Weiser erscheint. Keine blitzartige Erleuchtung trifft ein. Er runzelt die Stirn und öffnet entäuscht die Augen. Er muss sich zurückhalten um sich nicht zu ärgern.
Da sieht er am Ufer ein Kind stehen, einen kleinen Jungen, er muss etwa 5 oder 6 Jahre alt sein. Kenosuke lacht, hatte er doch im Stillen darum gebeten das ihm ein Erleuchteter bei seinen Fragen hilft. Er winkt den Jungen her. Der Kleine läuft, etwas zögern, zu ihm und setzt sich mit einem Satz hin. Auf die Frage wie sein Name sei, bellt er nur kurz "Isamu".
Isamu blickt verstohlen rüber und fragt dann ganz leise "Du, was machst du hier?". Kenosuke blickt zurück "Ich beobachte den Fluß und versuche mir vorzustellen wo er anfängt und wo er wohl enden mag". Isamu antwortet frech "meine Mama sagt, der Fluß kommt aus den Bergen," er nimmt einen herumliegenden Stock in die Hand und hält ihn ins Wasser "aber wo er hingeht weiß ist nicht".
Kenosuke beobachtet wie der Stock Spuren in Wasser hinterlässt und als der Junge unbedacht den Stock aus dem Fluß nahm, endete die Verwirbelung im Wasser wieder. Nun wurde es im schlagartig klar, alles ergab einen Sinn, wenn negative Samen wachsen, kann man sie nicht mehr stoppen, so wie man einen Baum nicht am wachsen hindern kann, man muss ihn aus der Erde nehmen, am Ursprung tilgen. So werden Bäume, wie auch Gedanken vernichtet. Kenosuke spingt auf, packt seine Sachen und schreit "Isamu, der Fluß fließt zum Meer, Danke für deine Hilfe", den fragenden Blick des Kleinen nahm er gar nicht mehr wahr.
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